Im Twitterzeitalter sind wir gezwungen, uns kurz zu fassen. Oder anders ausgedrückt, die Dinge auf den Punkt zu bringen. In wenigen Zeichen. Verlieren die Nachrichten aufgrund der Kürze denn auch an Tiefe? Oder splittet das Netz unsere bekannte Mitteilungsgewohnheit lediglich auf? Im Bereich Kommunikation werden zwar wirklich kürzere Texte produziert, die Quantität dieser Produkte steigt jedoch aufgrund unzähliger Kanäle und Mitteilungsoptionen. Die Mitteilung eines üblichen Briefs oder Zeitungsartikels kann im Blog so in die einzelnen Bausteine eines Flickr-Fotos, Youtube-Films und einer kurzen Textnachricht zerfallen.
Doch wie wirken sich diese neuen Umgangsformen der Kommunikation auf den Bereich der Literatur aus? Verändert die Splitter-Bausteinmitteilung auch unsere Wahrnehmung der unzähliger Informationen im Netz in Bezug auf die Konzentrationsfähigkeit beim Lesen von Texten, va. wenn sie online publiziert sind? Schaffen wir es nicht mehr, uns auf lange Texte einzulassen? Was ist mit den alten Sehgewohnheiten, die sich immer noch nicht gänzlich daran gewöhnt haben, lange Texte auf einem Bildschirm anstatt auf Papier zu lesen (auch wenn das E-Book ja zumindest optisch in eine augenfreundliche Richtung strebt)?
Dies soll keine Diskussion um die Frage sein, ob Romane oder lange Erzählungen durch das Internet bedroht sind. Es ist lediglich ein Gedankenspiel, denn auch an mir selbst beobachte ich: es fällt mir immer schwerer, mich auf lange Texte zu konzentrieren, gerade wenn ich online bin.
Schaffen Kurzgeschichten es, die mediale Lücke zwischen alten und neuen Publikationsformaten zu schließen? Ist die Popularität von Online-Kurzgeschichten die logische Konsequenz einer gesellschaftlichen Veränderung, gerade im Bereich der Nutzungsgewohnheiten? Kurzgeschichten waren und sind immer noch populär. Auch und gerade in der Populärkultur, jedenfalls meiner Meinung nach. In einem Artikel der Zeit über das Online-Literaturmagazin electricliterature.com klingt es jedoch so, als bräuchte die Kurzgeschichte einen Rettungsanker. Den sie im Online-Bereich gefunden zu haben scheint.
"Unsere Mission ist es, der Kurzgeschichte zu einer starken Stellung in der Popkultur zurückzuverhelfen, mithilfe neuer Medien und innovativer Vertriebswege", heißt es auf der Website. ‘Innovativ‘ bedeutet hier: lustvoll die Möglichkeiten des Internets durchprobieren, Erzählungen aus allen medialen Kanälen feuern, möglichst offen, zugänglich und unprätentiös."
Die neue Kurzgeschichte also soll über neue Vertriebswege funktionieren. Dies soll die Veränderung sein - ein „neues“ Online-Marketing. Doch funktioniert die „alte“ Kurzgeschichte im Umfeld neuer Medien?
Da werden also einmal vertrieblich die einzelnen Kanäle genutzt (vielleicht z.B. als Leseproben über Twitter?), aber va. interessant ist, wie und ob diese neuen Möglichkeiten den Text an sich verändern. Bleibt das Format das gleiche, oder nutzt auch die Kurzgeschichte 2.0 (so wie der twitter-Roman) die äußeren Möglichkeiten des Netzes, um sich inhaltlich umzustrukturieren? Durch Nutzung aller Kanäle?
Ich frag mich, was Charles Bukowski wohl in seine Web 2.0 Kurzgeschichten eigebettet hätte. Also virtuelle Bausteine zur Konstruktion einer neuen Form des Erzählens? Oder ist das zu viel, braucht eine Erzählung lediglich Text, um nicht zum virtuellen Bilderbuch oder Filmchen zu werden, dass unserer Phantasie keinen Freiraum mehr gibt?
Zumindest auf seinen Publikations- und Vertriebswegen ist das electronicmagazin.com virtuell untewegs, wie und ob sich dadurch auch die Arbeitsweise der Autoren ändert, gilt zu beobachten. Auf einen Versuch käme es jedoch mal an...meiner momentan sinkenden Aufmerksamkeitsspanne kann es nur dienlich sein.